🫀 Doppler Echokardiographie Guide
Um zu verstehen, wann welcher Doppler-Modus in der Echokardiographie eingesetzt wird, gilt: Jeder Modus dient einem bestimmten Zweck — entweder die exakte Lokalisation des Flusses oder die Erfassung der maximalen Geschwindigkeit.
📊 PW-Doppler (Pulsed Wave Doppler)
Prinzip: Erlaubt die Wahl eines genau definierten Punktes (Sample Volume) und misst dort die Blutflussgeschwindigkeit (Tiefenselektivität).
Aliasing-Effekt (die Kurve bricht ab und überlagert sich).
- LVOT-Messung: Sample Volume direkt unterhalb der Aortenklappe platzieren, um das VTI zu berechnen
- Diastolische Funktion: PW an der Mitralklappenöffnung platzieren (E/A-Wellen)
- Pulmonalvenenfluss: zur weiteren Bestätigung der diastolischen Dysfunktion
📈 CW-Doppler (Continuous Wave Doppler)
Prinzip: Misst alle Geschwindigkeiten entlang der gesamten Ultraschalllinie (keine Tiefenauflösung). Der entscheidende Vorteil: Er kann sehr hohe Geschwindigkeiten messen, ohne dass Aliasing auftritt.
Bei Klappenstenosen:
- Aortenstenose: Vmax bestimmen und Druckgradient berechnen (ΔP=4×V²)
- Mitralstenose: dasselbe Prinzip
Bei Klappeninsuffizienzen:
- TI: Jet-Geschwindigkeit messen, um den Pulmonalarteriendruck (sPAP) zu berechnen
- MI: Form und Dichte der Kurve beurteilen (Signaldichte)
🎨 Farb-Doppler (Color Doppler)
Das ist unser „GPS" in der Echokardiographie. Es zeigt die Flussrichtung (rot = auf den Schallkopf zu, blau = vom Schallkopf weg, nach der BART-Regel) und die Bereiche mit turbulentem Fluss.
● Blue = Away (vom Schallkopf weg)
● Red = Toward (auf den Schallkopf zu)
Anwendungen:
- Jets der Insuffizienzen visualisieren
- Shunts (ASD/VSD) detektieren
- Vena contracta messen
- PISA-Methode für Schweregrad-Bestimmung
💪 Gewebe-Doppler (TDI - Tissue Doppler Imaging)
Misst nicht die Blutflussgeschwindigkeit, sondern die Bewegungsgeschwindigkeit des Herzmuskels selbst (Myokardgeschwindigkeiten). Der Muskel bewegt sich langsam, sein Signal ist jedoch kräftig.
Am Mitralklappenring (septal und lateral) platzieren, um die e'-Welle zu messen. Anschließend E (aus dem PW, Blut) durch e' (aus dem TDI, Muskel) teilen, um die
E/e' ratio zu erhalten.
Weitere Anwendungen:
- E/e' Ratio: liefert eine präzise Abschätzung der linksventrikulären Füllungsdrücke
- RV-Funktion: Messung der s'-Welle am Trikuspidalklappenring
🌟 Goldene Regel
| Modalität | Frage | Limitation |
|---|---|---|
| PW | Wo ist der Fluss? (Lokalisation) | Keine hohen Geschwindigkeiten |
| CW | Wie hoch ist Vmax? | Keine genaue Lokalisation |
| Farb | Richtung & Turbulenz? | Keine quantitative Messung |
| TDI | Myokard-Bewegung? | Nur für Gewebe, nicht Blut |
🔽 Mitralklappen-Inflow
Hier wird beurteilt, wie das Blut in der Diastole vom linken Vorhof (LA) in den linken Ventrikel (LV) einströmt. Das PW wird im apikalen 4-Kammerblick an der Klappenöffnung platziert.
E-Welle (Early filling):
Beim Öffnen der Mitralklappe strömt das Blut kräftig und schnell in den linken Ventrikel (da dieser leer ist und der Druck niedrig). Im Normalfall ist diese Welle groß.
A-Welle (Atriale Kontraktion):
Am Ende der Diastole kontrahiert der linke Vorhof, um das restliche Blut auszuwerfen. Im Normalfall ist diese Welle klein.
Wird der linke Ventrikel steif und relaxiert schlecht, strömt das Blut anfangs schlechter ein (E wird kleiner) und der Vorhof muss kräftiger kontrahieren (A wird größer).
Verschlechtert sich der Zustand und der Ventrikel wird sehr steif mit erhöhtem Druck, strömt das Blut anfangs kräftig ein, da der Vorhofdruck stark erhöht ist (E wird sehr groß).
🔽 Trikuspidalklappen-Inflow
Exakt dasselbe Prinzip wie bei der Mitralklappe, jedoch auf der rechten Herzseite: Beurteilt wird, wie das Blut vom rechten Vorhof (RA) in den rechten Ventrikel (RV) einströmt.
- E-Welle: schnelle Füllung des rechten Ventrikels
- A-Welle: Kontraktion des rechten Vorhofs
Dient der Beurteilung der rechtsventrikulären diastolischen Funktion. Bei pulmonaler Hypertonie oder Rechtsherzinfarkt findet sich E < A.
🫁 Pulmonalvenenfluss
Hier wird ein Schritt zurückgegangen: Gemessen wird die Geschwindigkeit des Blutes, das aus der Lunge in den linken Vorhof (LA) einströmt. Das PW wird in der Vena pulmonalis platziert (meist die rechte obere Pulmonalvene, RUPV).
S-Welle (Systole):
Während der Ventrikelsystole (Mitralklappe geschlossen) relaxiert der linke Vorhof und „saugt" Blut aus der Lunge an. Diese Welle ist positiv (oberhalb der Linie).
D-Welle (Diastole):
Beim Öffnen der Mitralklappe strömt das Blut aus der Lunge über den Vorhof direkt in den linken Ventrikel. Dies ist die zweite positive Welle.
Ar-Welle (Atrial Reversal):
Wenn der linke Vorhof kontrahiert, um Blut in den Ventrikel zu befördern, strömt ein Teil rückwärts in die Pulmonalvenen. Diese Welle ist negativ (unterhalb der Linie).
Bei stark erhöhtem linksventrikulärem Druck (erhöhter LVEDP) ist die Ar-Welle groß und zeitlich verbreitert.
Bei schwerer MI wird die S-Welle negativ (unterhalb der Linie) — Systolischer Fluss-Reversal — ein Alarmzeichen!
📐 LVOT & VTI (Schlagvolumen-Berechnung)
Was ist das VTI? Das Velocity-Time-Integral. Man stelle sich ein Erythrozyt vor, das den Ventrikel verlässt — das VTI gibt an, wie viele Zentimeter es bei einem Herzschlag zurücklegt (Schlagdistanz). Normalerweise liegt es zwischen 18 und 22 cm.
SV = AreaLVOT × VTILVOTHerzzeitvolumen (CO):
CO = SV × HF
Praktische Schritte:
- LVOT-Durchmesser messen (PLAX)
- Fläche berechnen: π × r²
- VTI mit PW-Doppler messen
- SV berechnen: Fläche × VTI
🔄 Kontinuitätsgleichung
Dies ist eine der wichtigsten Gleichungen der Kardiologie zur Berechnung der Öffnungsfläche der stenosierten Aortenklappe (Aortenklappenöffnungsfläche – AVA).
Man stelle sich ein zunächst weites, dann enger werdendes Rohr (Pipe) vor. Die Wassermenge, die durch den weiten Abschnitt fließt, ist dieselbe wie durch den engen. Damit dies möglich ist, muss das Wasser an der Engstelle schneller werden (höhere Geschwindigkeit).
Gleichung:
VolumenLVOT = VolumenAortenklappeAreaLVOT × VTILVOT = AreaAorta × VTIAorta→ AVA = (AreaLVOT × VTILVOT) / VTIAorta
Praktische Durchführung:
- LVOT-Fläche messen (PLAX)
- VTILVOT mit PW messen
- VTIAorta mit CW messen (hohe Geschwindigkeit!)
- AVA berechnen
⚡ RVOT & Akzelerationszeit (AT)
Was ist die Akzelerationszeit (AT)? Die Zeit, die das Blut vom Beginn des Auswurfs aus dem rechten Ventrikel bis zum Erreichen der Spitzengeschwindigkeit (Peak Velocity) benötigt.
| Zustand | AT-Wert | Interpretation |
|---|---|---|
| Normal | > 120 ms | Normaler pulmonaler Druck |
| Leichte PH | 105-120 ms | Beginnende pulmonale Hypertonie |
| Schwere PH | < 105 ms | Ausgeprägte pulmonale Hypertonie |
Schritt-für-Schritt Anleitung:
- Sweep Speed erhöhen: 100 mm/s (wichtig für Genauigkeit!)
- PW-Doppler im RVOT platzieren (PSAX)
- Klares Signal gefrieren (Freeze)
- Punkt 1: Beginn der Welle (Basislinie)
- Punkt 2: Peak Velocity (höchster Punkt)
- Gerät berechnet AT automatisch
Bei sehr hohem Pulmonaldruck prallt das Blut gegen diesen Druck und wird teilweise reflektiert. Die Pulmonalklappe neigt dazu, mitten in der Systole zu schließen und danach erneut zu öffnen!
Dies erzeugt einen Einschnitt in der Mitte der Kurve, ähnlich dem Buchstaben W. Man nennt dies Mid-systolic Notching — ein sicheres Zeichen einer schweren PH.
AT-Messung bei Notching:
Die AT immer bis zum frühen ersten Peak messen, nicht bis zum zweiten Peak. Die AT ist dann sehr kurz (meist unter 75 ms).
⚠️ Klappenstenosen (CW-Doppler)
ΔP = 4 × V²ΔP = Druckgradient (mmHg) | V = Maximale Geschwindigkeit (m/s)
Beispiel Aortenstenose:
Vmax = 4 m/s → ΔP = 4 × 4² = 4 × 16 = 64 mmHg
| Schweregrad | Vmax (m/s) | Mean Gradient (mmHg) | AVA (cm²) |
|---|---|---|---|
| Leicht | 2.6-3.0 | < 25 | > 1.5 |
| Mittelgradig | 3.0-4.0 | 25-40 | 1.0-1.5 |
| Schwer | > 4.0 | > 40 | < 1.0 |
💔 Klappeninsuffizienzen (CW-Doppler)
Der wichtigste Nutzen ist die Berechnung des sPAP (Pulmonalarteriendruck).
sPAP = 4 × VTI² + RAPRAP (Right Atrial Pressure) ≈ 5-10 mmHg (je nach IVC-Kollaps)
sPAP < 35 mmHg = Normal
sPAP 35-45 mmHg = Leichte PH
sPAP > 45 mmHg = Pulmonale Hypertonie
Beurteilungskriterien:
- Signaldichte: Dichte der Kurve beurteilen. Hell, dicht und gut gefüllt → schwere MI
- Jet-Form: Einschnitt in der Mitte (V-wave cutoff) → der Vorhof wird durch den Druck überlastet
- Farb-Doppler: Jet-Größe, Vena contracta, PISA
Berechnung der Pressure Half Time (PHT):
Das bedeutet, dass sich die Drücke zwischen Aorta und Ventrikel rasch angleichen — ein Alarmzeichen!
🫀 sPAP vs. AT: Warum beide?
Warum AT und sPAP gemeinsam betrachten? Warum genügt nicht einer allein?
Weil sie sich ergänzen — jeder liefert eine andere Information aus einem anderen Blickwinkel.
sPAP = „Thermometer" (zeigt die Höhe des Drucks)
AT = „Symptom" (zeigt, wie das rechte Herz mit dem Druck umgeht)
Vorteile:
- Gibt konkreten Zahlenwert (z.B. 50 mmHg)
- Basis für Klassifikation (leicht/mittel/schwer)
- Dokumentierbar und vergleichbar
Benötigt TI (Trikuspidalinsuffizienz) mit gutem Signal. Bei 10-20% der Patienten nicht messbar!
Vorteile:
- Immer messbar: PW im RVOT funktioniert immer!
- Misst PVR: Pulmonary Vascular Resistance (Gefäßwiderstand)
- Notching: Spezifisches Zeichen für schwere PH
Wenn keine TI vorhanden → AT ist die einzige Methode zur PH-Detektion!
| sPAP | AT | Interpretation |
|---|---|---|
| 60 mmHg ↑ | 70 ms ↓ | ✅ Konsistent: Schwere PH bestätigt |
| 60 mmHg ↑ | 140 ms (normal) | ❌ Inkonsistent: Messfehler! Wiederholen! |
| Nicht messbar | 75 ms ↓ + Notching | ✅ AT allein diagnostisch für PH |
Der sPAP liefert die Quantität (Quantity)
Die AT liefert die Qualität (Quality) und die Alternative bei fehlender TR
📚 Klinische Zusammenfassung
| Tool | Messung | Klinische Entscheidung |
|---|---|---|
| PW | Mitral E/A | Diastolische Dysfunktion vorhanden? |
| PW | Pulmonalvenen | Sind Füllungsdrücke erhöht? |
| CW | Aorten Vmax/MG | Braucht Patient Klappenersatz-OP? |
| CW | Trikuspidal Vmax | Liegt pulmonale Hypertonie vor? |
| CW | AI PHT | Ist Aorteninsuffizienz schwer? |
| PW | RVOT AT | Alternative PH-Marker bei fehlender TI |
Der Doppler ist das Messinstrument: Das PW erfasst die „Qualität der Füllung" (Filling/Diastole), das CW die „Schwere von Druck und Erkrankung" (Pressure/Severity).